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Interview mit Professor Herbert Rosendorfer zu seinem Buch
„Der Hilfskoch oder wie ich beinahe Schriftsteller wurde“
Beim Lesen Ihres Buches verliert man den Glauben an die Integrität der Literaturszene. Demnach regiert allein der Trend, respektive der Profit, den man aus dem Trend schlagen kann. Raffgierige, selbstsüchtige und inkompetente Verleger „machen“ Besteller, bestimmen, was gute Literatur sei und haben dieselbe aber nicht einmal gelesen. Selbiges gilt offenbar auch für sogenannte Kunstkritiker. Was also kann man als Leser noch glauben?
Rosendorfer: Das Buch ist eine Satire. Die Satire muss übertreiben. Der Leser glaubt ja sowieso nur die Hälfte. Wenn also die Satire sozusagen auf das Doppelte übertreibt, dann wird es wieder richtig. Manches in dem Buch ist richtig, manches ist nicht ganz richtig, manches ist falsch. Man kann da keine prozentualen Angaben machen. Es ist alles viel verzwickter und verwickelter! Wichtig ist: Der Ich-Erzähler bin nicht ich! Nicht alles, was der Ich-Erzähler sagt, ist meine Meinung. Natürlich kommt manches von meiner Meinung drin vor, aber der Ich-Erzähler ist eine erfundene Figur mit eigenen Erfahrungen, eigenen Meinungen, eigenen Erinnerungen. Es ist ein weitverbreiteter Irrtum, den Ich-Erzähler mit dem Autor zu verwechseln. Wenn es übrigens eine Figur gibt in dem Buch, die ich bin, dann ist es der Maler, der Inhaber der schönen Blonden ...
Sie verteilen harte Seitenhiebe auf den Biografie-Wahn selbst ernannter und von der Gesellschaft gepuschter Promis. Fürchten Sie nicht, fürderhin gemieden zu werden, denn immerhin heißt es ja im Volksmund, dass üblicherweise eine Krähe der anderen kein Auge auspickt. Oder bauen Sie voller Schadenfreude darauf, dass die Literaturszene gute Miene zum bösen Spiel macht und Ihr Buch, weil „man“ ja nicht als schlechter Verlierer dastehen will, in den Literaturhimmel lobt?
Rosendorfer: Der Volksmund irrt, wenn er meint, dass eine Krähe der anderen kein Auge auspicke. Niemand pickt dem anderen so schnell ein Auge aus, wie eine Krähe der anderen. Nicht nur in der Literaturszene, auch in der medizinischen und juristischen Kollegenschaft: Nie werden soviel Augen ausgepickt, wie unter Kollegen! Dieses Buch habe ich geschrieben mit einer zweiten Bewusstseinsschicht über meinem Kopf, die gesagt hat „Bin neugierig, was da passiert, wenn das erscheint!“ Aber es ist natürlich gar nichts passiert!
Gab es bislang keine Reaktionen auf Ihr Buch?
Rosendorfer: Nein, es ist noch nichts passiert! Das Buch ist im September erschienen und bis jetzt stand nur etwas in der Münchner Abendzeitung mit dem Titel „Die Promis verwelken schnell“. Das war die bisher erste und einzige Reaktion. Kein einziger Promi hat sich bisher beschwert. Ich vermute, die meisten können gar nicht lesen. Ein „Promi“, der auch in meinem Buch vorkommt, war bei einer Lesung anwesend, hat nichts bemerkt! Das war doch schon bei Brecht und beim Kroetz so, dass die Ausbeuter, Kapitalisten und Geschäftemacher nicht bemerken, dass sie gemeint sind. Von dieser Narrenfreiheit habe ich Gebrauch gemacht. Im übrigen gehöre ich nicht zu den regelmäßig von den großen Kritikern rezensierten Autoren. Marcel Reich-Ranicki hat nur einmal vor dreißig Jahren eine Rezension über eines meiner Bücher geschrieben... auch die „Zeit“ rezensiert mich nie ...
Woran liegt das Ihrer Meinung nach?
Rosendorfer: Es ist zum Teil wohl Neid. Es sind ja auch alles mehr oder weniger Schriftsteller, die rezensieren. Da ist Neid, dass ich einen Beruf habe, von dem ich leben kann, und nicht auf die Bücher angewiesen bin. Und ausgerechnet so einer, der nicht drauf angewiesen ist, der verdient Geld damit. Diesen Neid spüre ich oft.
Für nahezu alle Schriftsteller sind gute Kritiken und der Aufstieg in die Literatur-Charts das Wichtigste. Mit Ihrem Buch haben Sie diejenigen, die nun ihre Bücher kaufen, lesen und besprechen, als wichtigtuerische Pseudo-Literaturkenner und Geschäftemacher mit Promigeilheit entlarvt. Ist dies ein Kunstgriff? Haben Sie Ihr Buch unantastbar gemacht, weil es sich der Kritik entzieht, indem es Kritiker als unfähig darstellt und die ganze Bücherszene als einen Tummelplatz der Selbstüberschätzten, Dünkelhaften und Beschränkten? Also das „beste“ Buch aller Zeiten und damit das letzte, das auf Erden noch geschrieben werden musste. ..
Rosendorfer: Das stimmt in diesem Sinn, dass es das einzige Buch der Welt ist, das sich der Kritik entzieht. Auch da habe ich gedacht, ich schau mal, ob da was passiert, ob sich da einer meldet...Wissen Sie, es ist raffiniert einfach, das Buch auf diese Weise unkritisierbar zu machen. Der Trick ist, das zu schreiben und zu schauen, was passiert...
Aber es passiert offensichtlich gar nichts und das bestätigt wieder den Inhalt ihres Buches. Dieses Buch ist ein sich selbst bestätigendes und selbst erhaltendes Konstrukt!
Rosendorfer: Genau! So hab ich das gemeint!
Ihr Buch ist gespickt mit Anspielungen auf lebende Promis. Die „Sosseijeti“ ist Gegenstand Ihrer Verachtung. Sie sind aber auch prominent und wurden von der „Sosseijeti“ als einer der ihren eingestuft. Macht es Ihnen Spaß, die zähneknirschenden Heucheleien derjenigen entgegen zu nehmen, die Ihr Buch gelesen haben, drin vorkommen und sich als hohl entlarvt fühlen? Oder gehen Sie sowieso davon aus, dass jene Ihr Buch ohnehin nicht lesen ...?
Rosendorfer: Ich glaube, dass sie das Buch nicht lesen, und wenn sie es lesen, es nicht verstehen, und wenn sie es verstehen, nicht merken, dass sie gemeint sind. Siehe den Promi bei der Lesung ....
Ihr Buch ist eine Hommage an junge, schöne, gut gebaute Frauen. Alte oder ältere Menschen haben selten bis nie eine positive Ausstrahlung, es sei denn als individualistische, zynische, verschrobene Typen, die entweder zur (banalen) „Sosseijeti“ gehören oder außerhalb dieser stehen, sie aber dennoch für sich nutzen. Abgesehen von den jungen, schönen Frauen sind alle Typen reichlich skurril. Ist Schönheit – äußere und innere – nur auf Jugend beschränkt? Und auf Frauen?
Rosendorfer: Der Ich-Erzähler ist ein 28-jähriger Mann. Der interessiert sich natürlich nur für junge Frauen. Für den sind alte Frauen Muttertypen, die er nicht mag, weil er ja seine Mutter nicht mochte. Das bin nicht ich! Übrigens: Auch bei Goethe im „Wilhelm Meister“ kommen nur junge und schöne Frauen vor. Bei Goethe sind sie außerdem noch Herzoginnen und Gräfinnen, mindestens! Das ist bei mir nicht der Fall. Ich habe mich also nur an Goethes Vorbild im „Wilhelm Meister“ gehalten.
Frauen, Männer, Jugend, Alter, Schönheit, Hässlichkeit, Dummheit, Selbstüberschätzung, Lächerlichkeit: Um diese Themen kreist Ihr Buch. Wo finden Sie Würde?
Rosendorfer: Es ist ein satirisches Buch, es übertreibt. Selbstverständlich gibt es Würde ... dort oder da.... Aber die Schilderung würdiger Gegenstände hat in so einem Buch keinen Platz. Dennoch: Die eine Passage in meinem Buch mit dem Telegramm beinhaltet Würde: Die Würde der Liebe. Da redet der Ich-Erzähler auch ganz anders.
Journalisten werden in Ihrem Buch als gierige, desillusionierte Schmarotzer an der Mediengeilheit der Menschheit, respektive „Sosseijeti“ dargestellt. Wie stehen Sie zur Presse?
Rosendorfer: Selbstverständlich sind nicht alle Journalisten Schmarotzer. Auch das ist maßlos übertrieben ... es ist ja eine Satire...
...und diese eine Szene mit dem Journalisten, die Sie selbst im Buch als authentisch beschreiben?
Rosendorfer: Die ist tatsächlich so passiert, aber dieser eine Journalist wird nicht von mir, sondern von dem Ich-Erzähler als maßstäblich angesehen ...
Die Obsessionen der Menschen haben Sie seit jeher fasziniert. Es scheint so, als wären Ihnen obsessive Menschen sympathischer, als sogenannte normale. Welche Obsessionen haben Sie?
Rosendorfer: Ich habe die Obsession, als großer Malkünstler und großer Komponist zu gelten, was ich in beiden Fällen nicht bin. Außerdem mag ich keine Zwiebeln. Eine weitere Obession ist meine Abneigung gegen Hintergrundsmusik in Restaurants, Kaufhäusern, Taxis, beim Friseur.... dieses Hintergrundgedudel ist mir zuwider. Und ich habe eine starke Obsession gegen Hunde.
Was würden Sie - gesetzt denn Fall, Sie wären Gott – in der Gesellschaft verändern?
Rosendorfer: Ich würde die dogmatischen Religionen abschaffen. Nicht die Religionen selber, aber ich würde nur Privatreligionen zulassen. Jedem Menschen seine eigene Religion! Dann würden zwei Drittel aller Kriege vermieden. Ich würde den Menschen auch den missionarischen Eifer, dem anderen die eigene Religion aufzudrängen, nehmen. Ich, als Gott, würde die Theologie abschaffen. Ich glaube, dass Gott die Theologie sehr unangenehm ist.
Wollen Sie etwas mit Ihrem Buch bewirken? Ist es – von der unangreifbaren Ebene eines Bestellerautors, eines mit Preisen überhäuften Schriftstellers, eines anerkannten Künstlers aus – eine Abrechnung mit dem Verlagssystem? Mit den Medien? Mit dem ganzen Buchbetrieb – dem Sie ja angehören?
Rosendorfer: Ich zitiere Franz Xaver Kroetz: Nein, ich will direkt nichts bewirken, weil ich weiß, dass Bücher direkt nichts bewirken. Ich will nur es nur hinschreiben, ich will es nur wenigstens gesagt haben...
Das Buch ist sicher nicht Ihr letztes und damit auch kein Schwanengesang. Was kann nach dieser Abrechnung noch kommen?
Rosendorfer: Was kommt? Ich bin jetzt 71 und mit 75 hoffe ich, den einen, ganz bestimmten großen Roman, der ganz anders ist, geschrieben zu haben. Der soll ganz anders werden ... Aber ich rede über nichts weniger ungern, als über entstehende Sachen. Aber eines ist sicher: Dieser Roman wird ganz anders!
Welche Frage, die Ihnen noch nie von einem Journalisten gestellt wurde, würden Sie gerne beantworten?
Rosendorfer: Folgende Frage würde ich gerne von einem Journalisten gestellt bekommen: „Ich habe das Gefühl, Sie sind ein ernster Mensch. Irre ich mich?“ Dann antworte ich: „Nein, Sie irren sich nicht.“
Interview: Angelika Lukesch, November 2005
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